Das Zeitgefühl ist etwas seltsames. Auf dem Weg nach Reykjavík fuhren wir an Hella, dem Seljalandsfoss und dem Abzweig in die
Þórsmörk vorbei und es war fast unwirklich, daß seit unserem ersten Eintreffen dort gerade einmal anderthalb Wochen vergangen
waren.
Kurz vor Reykjavík hielten wir noch am "Garten Eden", einem großen Gewächshaus mit angeschlossenem Erlebnisbereich. Aufgrund
des natürlichen Mangels lieben die Isländer Blühpflanzen und exotische Gewächse und geben reichlich Geld dafür aus. So
konnten wir sogar Kaffee- und Bananenpflanzen bestaunen, wie auch fünf Meter hohe, äußerst ausladende Ficchusbäume, gegen die
meine Wohnzimmerversuche äußerst mickrig wirkten.
Der erste Abend in der Hauptstadt stand schließlich allen zur freien Verfügung bereit und aus der Touristengruppe bildeten
sich kleine Grüppchen, die sich zusammen mit den Isländern ins Nachtleben stürzten. Und Dank des ausgiebigen Angebots an
Restaurants, Kneipen und Bars fiel uns die Auswahl zwar recht schwer, aber wir landeten dennoch einen regelrechten
Glückstreffer. Unterwegs war uns schon ein Ami mit Frau über den Weg gelaufen, der sich auch darüber beklagte, daß er nichts
brauchbares zu essen fand. Dabei standen wir zu diesem Zeitpunkt vor einer kleinen Kneipe, in der es einen "Big Devil Burger"
gab. Ja ja, Klischee Klischee. Nach einigen Speisekarten, auf denen uns die Preise doch zu hoch erschienen, landeten wir
schließlich in einer Bar, die "Daily Specials" zu passablen Preisen anbot. Ein Drei-Gänge-Menü mit Vorsuppe, Lamm oder Fisch
und Dessert lockte uns herein. Und es lohnte sich. Das Essen war vorzüglich. Außerdem konnte ich nach diesem Abend den
isländischen "Ice Tea" wärmstens empfehlen. Womöglich verstand ich darunter aus Gewohnheit etwas anderes, aber der Cocktail,
der mir gebracht wurde, machte Eindruck. Und schmeckte.
Als wir gegen 22 Uhr gesättigt und zufrieden mit dem Essen fertig waren, kündigte sich gerade das eigentliche Highlight des
Abends an. In Reykjavík erwachte das Nachtleben. Junge Musiker bauten ihr Equipment auf, ein Barbediensteter warf sich einen
langen, schwarzen Mantel über und wurde zum Türsteher und kurz darauf strömte die isländische Jugend in Scharen in die Bar,
um zu hören, zu sehen und vorallem um gesehen zu werden. Wir wirkten etwas deplatziert und da wir trotz Abendgarderobe den
Eindruck von Touristen nicht ganz ablegen konnten, wären wir womöglich zu der Zeit auch nicht mehr in die - spätestens ab
sofort - Szenebar hineingekommen. Aber zum Glück saßen wir schon und gönnten uns somit einen wunderbaren musikalischen
Ausklang eines wieder einmal spannenden Tages. Und konnten beim Frühstück am nächsten Morgen im Stillen stolz feststellen,
daß unser Grüppchen bei der Abendgestaltung das glücklichste Händchen gehabt hatte.