In Egilsstaðir gab es nicht nur Kraftwerke für den neuen Stausee, sondern auch den Aufreger des Tages. Zuerst tauchten
im Hotel ganz plötzlich wieder die merkwürdigen Computerfehler auf und nach der Reparatur waren leider alle Zimmer ausgebucht.
Da zwei unabhängige Touren des selben Reiseveranstalters an diesem Abend in diesem Hotel unterkommen wollten, mußte es wohl zu
einem bedauernswerten Fehler gekommen sein, der dazu führte, daß es für uns keine Zimmer gab. So in etwa der Zynismus in
unserer Gruppe, nachdem der Reiseleiter bereits zuvor das Gerücht gestreut hatte, daß sich die Hotels gern mal untereinander
absprechen, um solche großen Eine-Nacht-Reisegruppen zu vermeiden. An diesem Augustabend, der draußen nasskalt und drinnen in
der Hotellobby verschaukelnd daherkam, fiel der Glaube an die Wahrheit derartiger Gerüchte nicht mehr schwer. Während der
halbstündigen Klärungsphase standen wir wie Bettler im Vorraum des Hotels, unsere Koffer zwischen uns, und sahen den anderen
Gästen bei ihren Eskapaden zu. Eine italienische Altmenschen-Gruppe verzettelte sich im Geschnatter. Mit ihren Schlüsseln zu
unter anderem Zimmer 215 liefen sie verständlicher Weise zuerst in den Keller. Und schnatterten dabei. Aus dem Keller mußten
sie zurückgepfiffen werden; langsam trotteten sie wieder herauf. Und natürlich schnatterten sie dabei. Nach ausgiebiger Pause
zwischen uns - zum Schnattern selbstverständlich, zerrten sich die alten Damen in einer Schlange am Treppengeländer hinauf bis
in den zweiten Stock. Wobei sie regelmäßig stehen blieben, um zu schnattern. Hätten sie die dafür verbrauchte Kraft in ihre
Beine gesteckt, müßten sie beim Gehen nicht so schnaufen. Aber wer glaubte, oben angekommen, würden sie auf ihre Zimmer
verschwinden, der irrte gewaltig. Stattdessen standen die Damen auf ihren kurzen Beinchen und reckten ihre dicken, alten
Gesichter übers Treppengeländer, um auf uns herabzusehen. Nur das Geschnatter war verstummt; dafür reichte die Kraft
womöglich doch nicht mehr.
In der Zwischenzeit hatte sich auch Neues für unsere mißliche Lage ergeben. Im ganzen Ort war absolut nichts mehr frei - gute
Zeit bis zur Erlangung dieser Erkenntnis, rasante Rezeption! Doch welch Wunder, ausgerechnet in dem Hotel, in dem wir in der
Nacht darauf unterkommen sollten, war auch an diesem Abend noch so kurzfristig Platz für uns. Vor Ort sollte sich auch
schnell herausstellen wieso. Selbst wenn uns so weitere 80 Kilometer bevorstanden, wäre zumindest alles geklärt gewesen, um
weiterfahren zu können. Leider bestand genau darin unser nächstes Problem. Helgi war in der Zwischenzeit aufgebrochen, um
seinen Bus zu waschen. Er dürfte sich über die Fahrplanänderung entsprechend gefreut haben, als er an einer Tankstelle in der
Nähe wieder aufgetrieben wurde. Genauso fuhr er dann auch das letzte Teilstück, selbst wenn dabei eine höllische Hexenküche
auf uns wartete. Aus den letzten Reihen des Busses ließ sich durch die Frontscheibe nur noch Nebel erkennen. Glücklicherweise
war die Verkehrssituation im isländischen Outback sehr entspannt. Die tiefen, ungeschützten Schluchten mal links mal rechts
der Straße wirkten aber auch bei Nebel angenehm furchteinflößend.
Das Hotel in Breiðalsvík schien wirklich nur Aushilfsunterkunft für Egilsstaðir zu sein. Es lag so abseits im
Niemandsland vor dem Dörfchen, daß selbst Helgi im ersten Anlauf daran vorbeirauschte. Aber auf isländischen Landstraßen
stellt Zurücksetzen mit einem Bus bei Nebel und Regen aufgrund mangelnden Verkehrs keine Schwierigkeit dar.
Der kleine Hotelfamilienbetrieb hatte nicht viel zu bieten, dafür gab's aber Pferde als Kulturprogramm, das von einigen auch
gern und ausgiebig angenommen wurde. Durch unsere zwangsläufig späte Ankunft bescherten wir der Küchenchefin reichlich
unerwartete Arbeit. Ein Punkt gegen die Theorie der Hotelabsprache. Dennoch bekamen wir ein tolles 3-Gänge-Menü gezaubert,
aber einer so angestachelten, zynischen Gruppe hätte es niemand Recht machen können. So kamen dem wandernden Volk die
Portionen zu klein vor, die Bedienungen zu jung und unerfahren, der Nachtisch zu offensichtlich aus dem Gefrierschrank und so
weiter. Ganz besonders lautstark meldeten sich wieder die Nichtfischesser zu Wort. "Kein Fisch" könnte auf Island
gleichbedeutend sein mit "Veganer". An diesem Abend bedeutete es für die beiden Betroffenen "kein Fleisch und keine
Kartoffeln", stattdessen wurden ihnen Gemüseburger mit rohem Gemüse serviert. Das Gemecker war groß. Alles in allem ein sehr
peinlicher Ausklang des Tages. Aber die Hotelbediensteten nahmen uns stillschweigend hin, dabei konnten sie nichts für die
schlechte Laune, die aus unserem Bus in ihr Hotel hereingeschwappt war. Und die ganze Zeit überlegte ich, wieviel sie wohl
von dem verstanden, was einige so unverhohlen im Speisesaal von sich gaben. Die Antwort darauf bekam ich nicht
mehr, obwohl ich sogar fast darauf wartete, daß uns die Familie mit einem bösen "Auf Nimmerwiedersehen" verabschiedete.