Wir mußten uns schon wieder reichlich weit in Richtung Hochland vorgewagt haben. Zumindest kam es einem so vor beim Anblick
auf die gelegentlich schon erbärmlich karge Steinwüste, durch die wir zuckelten. Aber Vorsicht lieber Islandbesucher, diese
Insel kann so unverhofft Attraktionen direkt vor deiner Nase herbeizaubern, daß du dir nur verwundert die Augen reibst. In
unserem Fall stiegen plötzlich hinter völlig unscheinbaren Gesteinswüstenkuppen zwei Gischtfontänen auf. Das war in der
weiten Leere aber auch das einzige, womit sich der Jökulsá-Canyon zu erkennen gab. Vermutlich könnte man nachts hineinpurzeln,
weil man nicht erwartete, so unverhofft auf ihn zu stoßen. Und das obwohl - man kann es nicht anders sagen - der Dettifoss
gewaltig ist. Auf 100 Meter Breite schräg durch den Canyon donnern in jeder Sekunde Unmengen Wasser den Fall hinab und
reißen - jetzt lass mich nicht lügen - jeden Tag (!) über 2500 Tonnen Sedimente mit über die Kante. Entsprechend grau sah das
Wasser aus und entsprechend gesprenkelt nach kurzer Zeit auch meine Jacke. Denn so gewaltig wie der Wasserfall auf seine
Besucher wirkte, so nass war er auch. Wobei uns die Gischt noch doppelten Ärger bereitete. Zum einen wehte sie uns vom Fall
direkt ins Gesicht, zum anderen jagte der kalte Wind sie aus der entgegengesetzten Richtung zurück, sobald sie über den Rand
des Canyons aufstieg. An manchen Stellen des unteren Beobachtungspunktes einfach nicht zu ertragen. Dort lernte ich, was es
bedeutet, wenn einem auch das größte Naturwunder schnurzpiepegal werden kann. Schlimmer nass geworden war ich in der ganzen
ersten Woche nicht und so zog ich mich beizeiten auf höhere Beobachtungsplätze zurück. Und auch wenn der Dettifoss als
Europas größter Wasserfall über jede Kritik erhaben ist, machte an diesem Tag und in meiner Gunst der Selfoss das
Rennen. Der liegt gerade mal 1-2 Kilometer oberhalb des Dettifoss und bildete so unseren Abschied von der Jökulsá. Keine
Wasserspritzer, keine Gischtfontänen auf Kleidung und Rucksack, sondern einfach nur ein wunderschöner Wasserfall, der sich
ausladend U-förmig in das Flußbett eingegraben hatte. Traumhaft schön anzuschauen, selbst wenn mir nach einem langen, kalten
Tag beim Fotographieren bald die Finger abstarben.