Selbstverständlich ranken sich auch um Ásbyrgi mythische Sagen und Geschichten. Gerade um Ásbyrgi, wirft doch seine Entstehung immer wieder mal Fragen auf. Daß auch mitten im hohen Norden Islands
ungewöhnliche Lava-Gebilde anzutreffen sind, überraschte uns am siebten Tag der Reise nicht mehr. Aber Ásbyrgi sieht von oben wie ein gewaltiger Hufabdruck aus. Leider ergab sich für uns
nicht die Gelegenheit, diese große Felsschlucht, mit ihren bis zu 100 Meter steil aufragenden Wänden aus der Luft zu betrachten. Deshalb muß nun die graphische Darstellung zwischen den Fotos
zur Versinnbildlichung herhalten.
Was lag bei der eigentümlichen Form näher, als nach einem Pferd als "Erschaffer" zu fahnden. Lange brauchten die Isländer auch nicht zu suchen, um auf Sleipnir zu stoßen. Odins
achtbeiniges Pferd soll Ásbyrgi durch einen Hufschlag erschaffen haben - beim Abdrücken zum Abflug. Ja, trotz der vielen Beine konnte Sleipnir auch noch fliegen; die Götterwelt sah in den Augen
der Normalsterblichen noch nie sonderlich fair aus.
Die zweite Entstehungsgeschichte hängt am Namen. Ásbyrgi bedeutet übersetzt Asenburg. Ein Erdriese soll sie als perfekte Verteidugungsfestung für die Asen im Kampf gegen die Wanen (ein
verfeindetes Riesengeschlecht) gebaut haben. Als Bezahlung verlangte der Erdriese die Göttin Freja. Da die Asen aber nur ungern eine aus ihrer Mitte hergeben wollten, spekulierten sie bis zum
Schluß
darauf, an der Felsschlucht werde schon irgendein Makel sein, mit dem sich der Rücktritt von der Bezahlung irgendwie herbeireden ließe. Zu seinem Unglück lieferte der Erdriese eine perfekte
Arbeit ab. Zum "Dank" besiegelte Thor sein Leben und sein Schicksal per Hammer. Daß die Götter auch immer noch irgendetwas in der Hinterhand haben mußten. Und was lehrt uns das?
Überdurchschnittlich gute Arbeit zahlt sich nicht aus.
Die wissenschaftliche Theorie zu Ásbyrgi kommt viel bescheidener und doch ziemlich gewaltig daher. Demnach hat sich der Gletscherfluß Jökulsá nicht nur einen beachtlichen Canyon geschaffen, dem
wir an diesem Tag noch folgen sollten, sondern formte mit seinen Wassermassen auch Ásbyrgi. Blieb nur die Frage offen, wie sich der Fluß so schnell und so tief in die erst 10.000 Jahre alte
Lava eingraben konnte. Eine Erklärung dafür soll sich im Gletscher Vatnajökull finden, der nicht nur die Jökulsá mit seinem Gletscherwasser speist. Vor zwei- bis fünftausend Jahren sollen
Vulkanausbrüche unter dem Eis solch gewaltige Fluten ausgelöst haben, daß sich unter ihrer Kraft Canyons und Felsschluchten wie Ásbyrgi in kürzester Zeit herausbildeten.
So viel zur grauen Theorie und ein jeder mag sich seine Lieblingsvorstellung heraussuchen. In der Praxis ist Ásbyrgi ein dicht bewaldetes, grünes Fleckchen Erde, das zu gemütlichen Spaziergängen
einlädt, von hohen Steilwänden umringt ist, in denen Eissturmvögel nisten, und das auch noch etlichen weiteren Bewohnern ein Zuhause bietet.